Weiß die Vorteile der Spiroergometrie zu schätzen: Prof. Dr. med. Matthias Paul setzt das Messverfahren in seiner kardiologischen Praxis am Prinzipalmarkt ebenfalls ein. Winfried Koße bedankte sich im Namen der rund 30 Gäste für die detaillierten Informationen. Foto: © DEFI-Liga e.V.Weiß die Vorteile der Spiroergometrie zu schätzen: Prof. Dr. med. Matthias Paul setzt das Messverfahren in seiner kardiologischen Praxis am Prinzipalmarkt ebenfalls ein. Winfried Koße bedankte sich im Namen der rund 30 Gäste für die detaillierten Informationen. Foto: © DEFI-Liga e.V.Wir alle wissen, dass Bewegung uns gut tut und dass unser Körper es uns dankt, wenn wir regelmäßig aktiv sind. Auch Defi-Träger_innen sind da keine Ausnahme. Die Grenzen der Belastbarkeit sind dabei für jeden Menschen individuell. Manchmal wissen wir allerdings nicht, wie weit wir uns belasten können – und machen dann im ungünstigsten Fall gar nichts. Das wiederum ist für herzkranke Menschen geradezu kontraproduktiv. Denn das herz profitiert davon, wenn es im geeigneten Rahmen gefordert wird. Wie man herausfinden kann, wo die jeweils eigene Grenze liegt und wie die Spiroergometrie dabei helfen kann, das erläuterte Prof. Dr. Matthias Paul unter anderem im November-Gesprächskreis der Defi-Liga.

 

Bewegung im Alltag

Radeln - eine gesunde Form der sportlichen Betätigung. Foto: © PixabayUnsere Gesellschaft wird nicht nur immer älter, sondern auch immer träger. Alltag und Berufsleben bewältigen wir immer häufiger ohne körperliche Anstrengung. Trotzdem fühlen wir uns müde und abgeschlagen. Und anstatt dann eine halbe Stunde Zeit in Bewegung zu verbringen, tun wir oft genau das, was uns auf lange Sicht nur noch passiver macht: Wir legen uns erst einmal hin. Irgendwann klingt dann alleine der Vorschlag, Sport zu machen, wie eine Drohung. Dabei hat ausdauernde Bewegung so positive Effekte: Sie steigert die Leistungsfähigkeit, erhöht die Lebenserwartung und bremst das Fortschreiten einer koronaren Herzerkrankung.

Die Effekte für die Herzgesundheit

Die positiven Effekte des herzgesunden Sports erreichen wir nur durch Ausdauer. In Zahlen heißt das, sich fünf Mal pro Woche für eine halbe Stunde zu bewegen – zum Beispiel mit Nordic Walking, Laufen, Schwimmen, Radfahren oder auch Tanzen. Das kräftigt den Körper ganz allgemein und hält die wichtigsten Risikofaktoren für Herzkrankheiten im Zaum. Langfristig sinken Gewicht und Blutdruck; die Werte für das gute HDL-Cholesterin steigen. Ausdauernde Bewegung ist deshalb ein wirksamer Schutz vor Herzinfarkten und in der Folge von unangenehmen Krankenhausaufenthalten.

Was vor dem Training wichtig ist

Alle Menschen profitieren davon, wenn sie sich sportlich betätigen. Auch Defi-Träger_innen. Bewegung, die gesunde Menschen leichthin bewältigen, kann aber für Defi-Patienten zu anstrengend sein. Vor allem, wenn weitere Herzkrankheiten mit im Spiel sind. Deshalb muss der Kardiologe bei ihnen die Trainingsintensität in jedem einzelnen Fall individuell bestimmen. Er zieht dazu eine körperliche Untersuchung sowie aktuelle Befunde zu Rate. Noch differenzierter kann er das individuelle Bewegungspensum beurteilen, wenn er die Spiroergometrie einsetzt – ein Verfahren, das zahlreiche differenzierte Werte zur Beurteilung der individuellen Leistungsfähigkeit eines Patienten ermittelt. Ausgestattet mit den Ergebnissen einer Spiroergometrie, entsteht bei allen Beteiligten das nötige Sicherheitsgefühl für das Ausdauer-Training.

Die Spiroergometrie

Die Spiroergometrie misst, wie Herz, Kreislauf, Atmung und Stoffwechsel unter Belastung reagieren und ermittelt dabei auch die herz- und lungenbezogene Leistungsfähigkeit. Die Belastung wird mithilfe eines Ergometers gesteuert. In den meisten Fällen wird ein Fahrradergometer eingesetzt, auf dem man entweder aufrecht sitzt oder liegt. Um die Ausatemluft analysieren zu können, tragen die untersuchten Personen eine Atemmaske. Dort ist zum einen ein Sensor angebracht, der das „geatmete“ Luftvolumen misst. Zum anderen befindet sich an der Maske ein dünner Schlauch, der einen Teil der Ausatemluft zu Sensoren hinlenkt, die ihren Gasgehalt der analysieren. Moderne Geräte sind so fein justiert, dass sie den Gasgehalt jedes einzelnen Atemzugs analysieren können. Die wichtigsten Parameter, die bei dieser Methode erfasst werden sind:

1. Die Sauerstoff-Aufnahme (VO2)

Ihr Wert gibt Aufschluss über unsere aerobe Leistungsfähigkeit. Das heißt: wie stark und wie lange können wir uns so belasten, dass der Laktatwert im Blut gegenüber unserem Ruhewert nicht zu hoch ansteigt. Der Laktatwert ist deshalb ein Indikator für die Art der Belastung, weil dieser erst ansteigt, wenn der Stoffwechsel über einen längeren Zeitraum nicht mehr aerob – also in Gegenwart von Sauerstoff – abläuft. Wir haben dann das Gefühl, nicht mehr genug Luft zu bekommen. Die Sauerstoffaufnahme ist ein Wert, der in Bezug auf das Körpergewicht normiert ist und deshalb gut vergleichbar ist. Sie wird in Milliliter pro Minute pro Kilogramm Körpergewicht gemessen (ml/min/kgKG). Normal ist, dass die Sauerstoffaufnahme im Alter sinkt und bei Mann und Frau unterschiedlich ist.

2. Die Kohlendioxidabgabe (VCO2)

Sie beschreibt die pro Zeiteinheit ausgeatmete Menge Kohlendioxyd (CO2).

3. Respiratorischer Quotient (RQ)

Er beschreibt das Verhältnis zwischen der Sauerstoff-Aufnahme und der Kohlendioxyd-Abgabe

Der breite Nutzen der Spiroergometrie

Die Einsatzgebiete der Spiroergometrie sind vielfältig. Sie gibt Auskunft über den aktuellen Gesundheitszustand, die Belastbarkeit und den Leistungsstand eines Menschen. Sie liefert damit Ausgangsdaten für eine persönlichkeitsgerechte Trainingsgestaltung und ermöglicht andererseits als trainingsbegleitende Maßnahme eine optimale Kontrolle und Steuerung des Trainingsverlaufs. Sie hat damit eine wesentliche Funktion für den Zuschnitt der individuellen Trainingsplanung.Die Spiroergometrie misst auch den Energiestoffwechsel. Im Gegensatz zur direkten Kalometrie misst sie allerdings nicht die abgegebene Wärmemenge, sondern die Menge an Sauerstoff, die ein Organismus verbraucht.Durch einen Vergleich mit Normwerten können aus den Messergebnissen der Spiroergometrie auch Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit des Herz-Lungen-Systems der Testperson gezogen werden. Damit flankiert sie auch medizinische Untersuchungen. So können zum Beispiel mit ihrer Hilfe bei krankhaft reduzierter Leistungsfähigkeit wie Belastungsasthma, Koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, arteriellem Bluthochdruck, atmungsbedingten Gasaustauschstörungen, obstruktiven oder restriktiven Ventilationsstörungen Hinweise darauf gesucht werden, ob die Ursachen im Herzen oder in der Lunge oder im Herz-Lungen-System zu suchen sind. Darüber hinaus untermauern die Werte einer Spiroergometrie Eignungstests in der Arbeitswelt bis hin zur Raumfahrtmedizin und helfen

  • bei der Effektkontrolle von Medikamenten,
  • bei der Leistungskontrolle vor und nach Operationen
  • bei der Leistungsbeurteilung nach längerer Bettruhe
  • bei Belastungsempfehlungen von Patienten (z.B. bei Herzsportgruppen)
  • bei Prognoseabschätzungen bei Patienten
  • bei Gutachten zur Leistungsanalyse (z.B. bei Versicherungsfragen)
  • bei wissenschaftlichen Untersuchungen

Probleme bei der Spiroergometrie

Eine wesentliche „Fehlerquelle“ ist die Hyperventilation. Wenn wir die für die Messung notwendige – aber unangenehm zu tragende – Atemmaske aufsetzen, kann es sein, dass sie uns beklemmt und wir uns emotional aufregen. In der Folge atmen wir dann vermehrt Co2 aus. Dies stammt aber nicht aus dem Stoffwechsel, sondern aus dem Gewebe und dem Blut stammt. Da wir aber nicht mehr Sauerstoff aufnehmen, steigt der Respiratorische Quotient. Die Empfehlungen, die sich aus den Messungen ableiten lassen, sind dann nicht mehr präzise.

Abbruch: Unter folgenden Bedingungen (Auswahl) wird eine Spiroergometrie außerdem sofort abgebrochen:

  • Wunsch des Patienten
  • Ischämische Kammerendteilveränderungen
  • Angina pectoris
  • Fehlender Herzfrequenz-/Blutdruckanstieg
  • Blutdruckabfall
  • Exzessiver Blutdruckanstieg (>240mmHg systolisch)
  • Höhergradige AV-Blockierungen
  • Anhaltende Vorhofrhythmusstörungen
  • Ventrikuläre Tachykardien
  • Erreichen der Ausbelastung – VT1-Zone

Kontraindikation: Unter folgenden Bedingungen (Auswahl) darf eine Spiroergometrie nicht stattfinden

  • Akuter fieberhafter Infekt
  • Akute Myo-/Endo-, Perimyokarditis
  • Akuter Herzinfarkt
  • Akute Thrombembolien
  • Hochgradige Aortenklappenstenose
  • Dekompensierte Herzinsuffizienz
  • Schwere pulmonale Hypertonie
  • Hypertensive Blutdruckentgleisung
  • Höhergradige ventrikuläre / supraventrikuläre Brady- / Tachyarrhythmien

Fragen, die das Spiroergometer nicht beantworten kann

Wie leistungsfähig wir sind, hängt nicht nur von körperlichen, sondern auch von seelischen und sozialen Faktoren ab. Unsere Kondition, die sich durch Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Beweglichkeit bestimmt, ist für den Sport besonders wichtig. Sie kann darüber entscheiden, ob und wie intensiv wir laufen, schwimmen, Rad fahren oder gehen können. Die geistige Fitness, unser technisches Verständnis sowie die Koordination und die Basis-Beweglichkeit können uns aber auch an anderer Stelle Grenzen setzen. Uns vor Fragen stellen wie: „Kann ich bestimmte Schrittfolgen beim Tanzen überhaupt behalten?“ „Steige ich noch problemlos auf ein Fahrrad und komme ich auch sicher wieder herunter?“ „Reicht meine Feinmotorik, um eine Pulsuhr oder ein E-Bike zu bedienen?“ Und schließlich spielen auch soziale Faktoren und das familiäre Umfeld eine Rolle: „Bin ich ein Gruppentyp oder ein Einzelgänger?“ „Welche Trainingsform will, und welche kann ich mir leisten?“ „Erhalte ich zu Hause Unterstützung oder bremsen mich die Ängste von Familienangehörigen vielleicht sogar aus?“ Auch diese Fragen gilt es zu klären. Damit wir uns für eine zu uns passende Sportart oder Bewegungsform entscheiden – und die Motivation nicht dadurch verlieren, dass wir schlicht die falsche Wahl getroffen haben.