Arbeitskreis mit Dr. Stefan Peitzmann

»Warum gerade ich?«

Sprach darüber, wie man lernen kann, mit Angst, Furcht und Sorge umzugehen: Dr. Stefan Peitzmann, Seelsorger im Universitätsklinikum MünsterSprach darüber, wie man lernen kann, mit Angst, Furcht und Sorge umzugehen: Dr. Stefan Peitzmann, Seelsorger im Universitätsklinikum MünsterWas passiert, wenn sich rund zwanzig einander mehr oder weniger fremde Menschen mit einem Seelsorger zu einem Austausch in Sachen Glaube und chronische Krankheiten treffen? Geht das so einfach: über die eigene Spiritualität zu sprechen? Über den Tod? Mit Dr. Stefan Peitzmann, Seelsorger am Universitätsklinikum Münster, ging das sogar sehr gut. Was auch an dem positiven Geist lag, mit dem er den Teilnehmer_innen begegnete. Denn zu Wort meldeten sich allesamt Menschen, die mit einem beeindruckenden Vertrauen wie unter Freunden erzählten, was ihr Wesen und ihr Herz bewegt. Die sie sich hadernd fragen »Warum gerade ich« oder die überzeugt sind, mit ihrem Leben einen Auftrag zu erfüllen – selbst wenn er sich ihnen nicht erschließt. Was es für sie bedeutete, nach ihrer Operation in ein anderes Leben zurückzukehren. Wie sie ihr bisheriges Leben überdacht haben und sich mit dem Sinn ihres neuen Lebens auseinander gesetzt haben.

Wendepunkte

Ein Teilnehmer berichtete, dass er sich erst durch sein Ereignis auf den Beruf zurück besonnen hätte, der ihn wirklich fasziniere und den er heute endlich ausübe. Für einen anderen, der lange Jahre ein stressiges Geschäftsführerleben führte, zählen heute ganz andere Werte, als vor seinem Ereignis. Die Familie zum Beispiel sei viel stärker in den Mittelpunkt gerückt. Insofern klang es nur folgerichtig, dass Dr. Peitzmann den Anwesenden zu dem Privileg gratulierte, vielen Menschen etwas voraus zu haben in der Auseinandersetzung mit dem Tabuthema Tod. Der Preis für dieses Privileg – daran ließ auch Dr. Peitzmann keinen Zweifel – sei indes hoch. Denn neben den ermutigenden Geschichten von persönlichen Wendeereignissen ist die Angst ein ständiger Begleiter vieler Defi-Träger: Mal leise, mal lauter, klopft sie an und erinnert an ein mögliches neues Ereignis oder auch unmittelbar an den Tod.

»Angst in kleinen Portionen ist handhabbar.«

In den Momenten, in denen die Angst einen anspringt, sei es deshalb wichtig, konstruktiv mit diesem Gefühl umzugehen. Eine Möglichkeit sei, es in kleinere, greifbare Einheiten zu zerlegen. »Wenn Angst groß und diffus ist, ist sie nicht handhabbar. Angst in kleinen Portionen ist handhabbar. Angst, der man ins Gesicht schaut, wird zur Furcht. Angst, die man beschreiben kann und die man in Begriffe bringt, die kann man begreifen.« Und das, was man greifbar mache und worüber man reden könne, werde konkret und verliere damit automatisch einen Teil seines Bedrohungspotenzials.

Doch auch das war eine Erkenntnis des Nachmittags, so bitter sie auch klingt: Nicht alle Freunde sind bereit, mit den Betroffenen immer wieder über ihre alltäglichen Zweifel, Ängste und Fragen zu sprechen. Vielleicht auch, weil ihr eigenes Verhältnis zum Tod ein anderes ist, als das eines Menschen mit einem überlebten Ereignis. So bleiben die Begegnungen in der Defi-Liga – ob auf der Tagung oder in den regelmäßigen Gesprächskreisen im Laufe des Jahres – eine wichtige Plattform für die Betroffenen und ihre Angehörigen. »Das, was ich hier erzähle, darüber spreche ich im Freundeskreis nicht.« sagte ein Teilnehmer und sprach dabei für viele. Ein größeres Lob kann man der Defi-Liga und dem Referenten kaum aussprechen.

Dr. Peitzmann selbst hat übrigens einen ganz eigenen Weg gewählt, konstruktiv mit dem Tod umzugehen: so erzählte er davon, wie er sich neulich einen Sarg bestellt habe und ihn solange als Regal benutzen wolle, bis er ihn denn brauche. Diese Herangehensweise zeigte, wie man einen Schritt auf seine Angst zumachen, ihr die Stirn bieten und signalisieren kann: Im Augenblick freue ich mich erst einmal daran, dass Du mir einen schöne Gelegenheit bietest, meine Bücher aufzubewahren.

 

Text © Birgit Schlepütz
Foto © Defi-Liga e.V.