Arbeitskreis mit Dr. Norbert Kronlage

»15 Pillen täglich«

So-Arbeitsgruppe-2014-1Der Hausarzt spielt eine ganz wichtige Rolle für den Patienten. Zum Beispiel, wenn es darum geht, die Medikamente im Überblick zu behalten.Hausärzte wie Dr. Norbert Kronlage sind für Defi-Träger wichtige Menschen. Sie betreuen ihre Patienten im Alltag und kennen auch ihre Krankheitsgeschichte in ihrer ganzen Historie. Nicht selten kommen zu deren Herzleiden andere hinzu, zu deren Therapie sie weitere Medikamenten einnehmen. Parkinson, Demenz und Zucker sind zum Beispiel solche Krankheiten. Für eine spezielle Indikation verordnet, wirken diese Medikamente aber schließlich in einem Körper und müssen deshalb sauber aufeinander abgestimmt sein. Einige werden sogar erst verschrieben, um die Nebenwirkungen anderer Medikamente zu verringern oder auszuschalten. So übernehmen Hausärzte vielfach die Rolle einer »Clearing-Stelle«, bei der alle Therapie-Informationen zusammen laufen. Denn mitunter nehmen Defi-Träger, die unter weiteren Erkrankungen leiden, einen beachtlichen »Medikamenten-Cocktail« zu sich. »Mehr als 15 Pillen täglich«, so berichtete ein Teilnehmer, seien es bei ihm.

Sprechstunde bei Dr. House

Viele der Fragen, denen sich Dr. Kronlage in einem gut besuchten Arbeitskreis stellte, bezogen sich auf konkrete Medikamente, ihre Nebenwirkungen und ihre möglichen Alternativen. Für alle diese Fragen nahm der Internist aus Nordwalde sich Zeit – eine weitere wesentliche Eigenschaft, für die Patienten ihre Hausärzte schätzen. Sie sind für sie da, sie hören ihnen zu und gehen auf ihre Fragen ein. Und sie suchen mit ihnen nach anderen Wegen, wenn sie mit Medikamenten nicht zurechtkommen. Wichtig sei es, die Erwartungen an die Effekte des Wirkstoffs mit den Enttäuschungen, die aufgrund von Nebenwirkungen entstehen, immer sorgsam abzuwägen.

»Wenn ein Patient das subjektive Gefühl hat, ein Medikament nicht zu vertragen, finden sich Alternativen. Keiner sollte zu einem Medikament gezwungen werden.« Bei manchen dieser Medikamente sei es dann der Hausarzt, dessen Alternativvorschlag der Verzicht auf eine Einnahme sei. Denn eine Tendenz könne man durchaus beobachten: Je mehr Ärzte man konsultiere, je mehr Medikamente nehme man am Ende.

Ein Ausflug in unser Gesundheitssystem

Weil einige Teilnehmer_innen konkret von Umstellungen ihrer gewohnten Medikamente auf Generika betroffen sind, hinterfragten sie auch die Auswirkungen der Gesundheitsreformen auf die Situation der Hausärzte. Wie in einem Organismus hängt auch in der staatlichen Gesundheitsfürsorge alles mit allem zusammen. Generika zum Beispiel sind Präparate, die vereinfacht gesagt als lizensierte Kopie eines Medikaments auf den Markt kommen, wenn der Patentschutz für das Original abgelaufen ist. Das Unternehmen ratiopharm war 1973 die erste deutsche Firma, die Generika produzierte. Heute stellen Pharmaunternehmen, die ein Originalpräparat entwickelt haben, die Kopie ihrer Medikamente mitunter sogar selbst her. Doch egal, wo diese Generika produziert werden: sie sind preiswerter als das Original und der Arzt ist auch dazu verpflichtet, Medikamente nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu verschreiben. Entscheidet er sich dennoch für das Originalpräparat, braucht er dafür gute Gründe. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass der Wirkstoff bei einem Generikum auf einer minimal anderen Trägersubstanz aufgebracht ist, die beim Patienten Probleme verursacht. Die Notwendigkeit zur Verordnung von Generika ergibt sich auch aus dem Budget der Ärzte. Pro Patient steht ihnen ein bestimmter Betrag für Medikamente zur Verfügung. Überschreitet ein Arzt sein Gesamtbudget, ohne dies Fall für Fall begründen zu können, macht er sich regresspflichtig. Dann muss er aus eigener Tasche den zuviel ausgegebenen Betrag an die Krankenkassen zurückerstatten. Dr. Kronlage konnte für seine Praxis jedoch Entwarnung geben. In der Regel, so der Internist, habe man als erfahrener Arzt sein Budget ganz gut im Griff. Patienten, die sehr teure Medikamente nehmen müssen, könnten diese im außerdem auch über ihre Fachärzte erhalten.

 

Text © Birgit Schlepütz
Fotos © Defi-Liga e.V.