Arbeitskreis mit Angelika Däne | Helmuth Kühlert

»Wieder fliegen lernen«

»Hier fühle ich mich verstanden.«: Im Kreis der Angehörigen gab es einen wohltuenden Austausch »Hier fühle ich mich verstanden.«: Im Kreis der Angehörigen gab es einen wohltuenden Austausch Menschen mit einem überlebten Ereignis leben mit der Angst, dass es erneut passieren könnte. Wer ebenfalls Angst hat, das sind ihre Partner_innen und Angehörige: Motiviert von dem Wunsch, zu schützen, zu helfen und zu verhindern, lösen Situationen, die ihnen kurz zuvor noch banal erschienen, plötzlich enormen Stress aus: die Partnerin zu Hause alleine lassen, den Partner wieder ans Steuer lassen, gemeinsam Rad fahren, eine Flugreise buchen. Und dann ist da noch diese Stimme, die ihnen sagt: »Du musst stark sein, du kannst dich jetzt nicht hängen lassen. Du bist doch gesund.« Hin- und hergerissen zwischen Hoffen, Bangen und Funktionieren bot die Tagung auch für Angehörige wieder ein Forum, in dem sie erleben konnten, dass ihre Fragen und Sorgen auch die Fragen und Sorgen anderer sind.

»Bist Du noch da?«

In dem Arbeitskreis von Angelika Däne und Helmut Kühlert hatten sich rund 25 Teilnehmer_innen zusammen gefunden. Schon in der Vorstellungsrunde wurde deutlich, wie viele unterschiedliche Fragen ihnen auf den Nägeln brannten – und wie viele Köpfe bei jedem neuen Thema immer wieder nickten und signalisierten »Das kenn’ ich auch.« Wie von selbst stellte sich dadurch eine Atmosphäre der Offenheit und Vertrautheit ein, die allen die Gelegenheit gab, frei über ihre Sorgen und Ängste zu sprechen. Über die innere Zerreißprobe, die von den Fragen bestimmt ist: Was kann ich meinem Partner zumuten und wie gehe ich mit meiner eigenen Angst um?

Denn oft ist die Angst der Angehörigen genauso existenziell, wie die der Betroffenen. Vor allem, wenn sie es waren, die ihren Partner, ihre Frau oder einen Angehörigen gefunden oder sogar reanimiert haben. Dann bleiben ihnen Bilder in Erinnerung, die nur schwer zu verarbeiten sind – wenn überhaupt. Davon erzählte auch Helmuth Kühlert, der den Arbeitskreis mit seiner persönlichen Geschichte einleitete. Seine Frau hatte ihn im Wohnzimmer gefunden und binnen kürzester Zeit richtig reagiert. Wie alle Patienten mit einem überlebten Ereignis, kann Helmut Kühlert sich selbst an nichts erinnern. Seine Frau hingegen lebt mit ihren Bildern und rüttelt auch heute noch manchmal an ihm, obwohl er einfach nur schläft. »Bist Du noch da?« fragt sie dann und man kann nur erahnen, was sie durchmacht. »Es hat lange gedauert« so Helmuth Kühlert, »bis ich bei einer Urlaubsreise wieder selbst am Steuer saß.«

Ins Ausland zu reisen, eine Flugreise zu unternehmen, einen Aufenthalt in höher gelegenen Regionen ins Auge zu fassen: Urlaub war ein wichtiges Stichwort für die Teilnehmer_innen. Manche fühlen sich dabei wie auf einem Pulverfass und die eigentliche Freude vor dem Urlaub verwandelt sich für sie in Stress. Aber auch das war aus den Beiträgen der Teilnehmer_innen herauszuhören: der Gedanke an einen Urlaub steht im übertragenden Sinn auch für den Wunsch und die Hoffnung, sich wieder gemeinsam hinaus ins Leben zu wagen und »Fliegen zu lernen«.

Wenn Kinder involviert sind

Genau das Gegenteil fragt sich derzeit eine Mutter, die seit rund einem Jahr Defi-Trägerin ist. Sie steht vor der Situation, ihren Kindern vermitteln zu müssen, wie eingeschränkt sie ist und was das für die Kinder im Alltag und im Umgang mit ihr künftig bedeutet. Wie stark Eltern sein müssen und wie sehr sie das fordert, zeigt sich auch, wenn ein Kind von einem überlebten Ereignis betroffen ist. Eltern wandern dann auf dem schmalen Grat, ihr Kind beschützen zu wollen und es gleichzeitig für seine weitere Entwicklung loszulassen. Eine Herkulesaufgabe, der schon viel Druck genommen wird, wenn man in einem Forum empathische Zuhörer und gleichgesinnte Ratgeber findet.

Gemeinsam wieder stark werden – mit der Defi-Liga

Eine qualifizierte Begleitung der Angehörigen – darin waren alle einig – ist mindestens genauso wichtig wie die seelische und medizinische Betreuung der Betroffenen. Der Bericht von einer gemeinsamen Reha, bei der ein Teilnehmer und seine Frau sehr gute Erfahrungen gemacht hatten, machte dem ein oder anderen hoffentlich Mut, auch für sich einmal darüber nachzudenken. In den Kliniken bestehe hier auf jeden Fall Handlungsbedarf. An der Qualität und dem Standard, den die Defi-Liga auf diesem Feld bereits gesetzt hat, müssen diese sich dann messen lassen. Fragt man die Teilnehmer, gibt es eigentlich immer dieselbe Antwort: »Etwas besseres als dieses Treffen« gibt es bisher nicht.«

 

Text © Birgit Schlepütz
Fotos © Defi-Liga e.V.