30 Jahre ICD-Therapie – brauchen wir noch Neuentwicklungen?

Dr. Florian Reinke

Dr. ReinkeDr. Florian Reinke. Foto: © Lena Gilhaus

Dr. Florian Reinke nahm die Teilnehmer mit auf eine Reise durch die Geschichte des Defibrillators. 1980 wurde der erste Defi implantiert, um einen plötzlichen Herztod zu verhindern. In Fachkreisen belächelte man den Erfinder Michel Mirowski: „Das ist Quatsch, das braucht man nie“, zitierte Reinke die damalige Expertenmeinung. Es kam anders, als gedacht: Um die 200 000 Menschen tragen heute in Deutschland einen Defi, jedes Jahr kommen um die 90.000 hinzu.

1984 wurde der erste Defi in Deutschland implantiert. Bis 1989 konnten Defis nur durch eine Eröffnung des Brustkorbes implantiert werden. Auch waren die Geräte damals noch sehr groß und wurden deshalb in den Bauch eingesetzt. Reinke zeigte einen Zauberwürfel vor, der dasselbe Volumen wie ein Defi in den 1980er Jahren habe. Der sei zwar flacher, aber dafür breiter gewesen und maß auch insgesamt 162 Milliliter (ml). Ab 1989 erfolgte die Operation dann transvenös. 1992 gelang eine pektorale Implantation. Dafür war keine Vollnarkose mehr nötig, der Defi konnte direkt unter der Haut oder hinter den Brustmuskel eingesetzt werden. Dafür präparieren die Ärzte eine Tasche in den Brustmuskel und setzen den Defi dort hinein. Eine Sonde wird im Herzen positioniert und mit dem Defi verbunden. Bei Rhythmusstörungen erkennt der Defi diese und gibt entsprechende Therapien ab. Damit war ein großer Fortschritt in der Defi-Medizintechnik erzielt worden.

Erfinder-Michel-Mirowski
Erfinder Michel Mirowski. Foto: © Lena Gillaus

Aber dabei ist es nicht geblieben: 2001 wurde die Telemedizin für Defi-Patienten aus der Taufe gehoben und der erste telemedizinfähige ICD implantiert. Durch Telemedizin können ICD-Daten über Telefonsysteme zwischen Patient und Arzt ausgetauscht werden. Der Defi des Patienten wird dabei per Datenübertragung über einen im Implantat eingebauten Sender fern überwacht. Über einen Transmitter werden Daten an einen Server geschickt, den Kardiologen überwachen und prüfen, ob es besondere Vorkommnisse gab. Die Telemedizin ist zwar kein Notfallsystem, durch die engmaschige Überwachung können aber häufige Herzrhythmusstörungen und drohende Fehlfunktionen des Systems frühzeitig erkannt und die Therapie dadurch effizienter gesteuert werden. Außerdem spart die Telemedizin Patienten und Ärzten Zeit. Das persönliche Arztgespräch hingegen ersetzt sie nicht.

Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte die Defi-Entwicklung mit der Implantation des S-ICD, des subukutanen Defibrillators. Er hat keinen Kontakt mehr zum Herzgefäßsystem und biete dennoch einen adäquaten Schutz vor dem plötzlichen Herztod, urteilt Reinke. Da der S-ICD nicht mehr mit dem Herzen verbunden ist, verringert sich das Risiko von Elektrodenkomplikationen und Infektionen. Nachteile sind: Der S-ICD kann nur Schocks abgeben und nicht als Schrittmacher fungieren. Außerdem ist das Aggregat weitaus größer als das eines ICD und deshalb nicht für jeden Patienten geeignet.

Wo stehen die Defis heute? Reinke wartete mit einigen Zahlen auf: Heute haben Defis eine Laufzeit von acht bis zwölf Jahren. Sie sind von circa 160 ml auf 45 ml geschrumpft und müssen circa alle drei bis sechs Monate abgefragt werden. Nach acht Jahren funktionieren allerdings nur noch circa zwei Drittel der Elektroden.

Nun die Frage des Vortrags: Brauchen wir da noch Neuentwicklungen? Reinke ist der Meinung, Software, Batterie und Elektroden könnten technisch natürlich weiter verbessert werden, kleiner und länger haltbar werden, auch sei eine zunehmende Verkleinerung des S-ICD Aggregats wünschenswert. Besonders, betonte Reinke, müssten sich aber die sozialen Aspekte verbessern. Viele Patienten würden unaufgeklärt in „die freie Wildbahn entlassen“. Reinke wünscht sich die Etablierung eines multiprofessionellen Teams, um Defi-Patienten optimal betreuen zu können. Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter sollten gemeinsam an einem Strang ziehen, sich austauschen und vernetzen und ihr interdisziplinäres Wissen den Patienten zur Verfügung stellen.

Die Defi-Liga übernehme bereits heute viele dieser Aufgaben, die momentan noch zu kurz kommen, sagte Reinke, und leiste besondere Aufklärungsarbeit – ehrenamtlich.

 

 

Angstsymptome und ihre Behandlung

Prof. Dr. Thomas Ehring

Prof. Dr. Thomas Ehring. Foto: © Lena GillhausProf. Dr. Thomas Ehring. Foto: © Lena Gilhaus

Prof. Dr Thomas Ehring, psychologischer Psychotherapeut aus Münster, nahm sich Zeit für die Fragen und Ängste der Teilnehmer. Rund 20 Prozent aller Defi-Patienten entwickeln psychische Symptome nach der Implantation. Eine ICD-Implantation ist oft alternativlos – deshalb erinnert das Leben mit dem Gerät immer an die eigene Gefährdung. Ein großes Problem seien die Mehrfachschocks, besonders wenn diese häufig auftreten. Die so genannten „inadäquaten Schocks“, also Auslöser des Geräts, ohne dass Rhythmusstörungen vorliegen, haben oft großes Leiden zur Folge. Die Patienten machen sich Vorwürfe, entwickeln Ängste vor dem Gerät: Diese Angst kann in Panikattacken, Depressionen, Schlafstörungen, Hypochondrie und in psychosomatischen Krankheiten münden, aber auch zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen, wenn der Schock ein altes Trauma reaktiviert.

Angst sei generell eine wichtige und hilfreiche Reaktion auf bedrohliche Situationen, stellt Prof. Dr. Thomas Ehring zu Beginn fest. Sie helfe dem Menschen, sich vor Gefahr zu schützen. Problematisch seien Panikattacken und Angstzustände über lange Zeiträume, die das Alltagsleben einschränken, dann wenn die Patienten beginnen, ein Sicherheitsverhalten an den Tag zu legen, um die angstmachenden Situationen zu vermeiden. So erzählte eine Teilnehmerin, dass sie bestimmte Wege nicht mehr benutze, weil ihr dort einst etwas zugestoßen war. Andere fahren aus Angst kein Auto mehr und nicht wenige verlassen nach einem traumatischen Schock nicht mehr das Haus.

Prof-Dr-Ehring-AntwortenProf. Dr Thomas Ehring beantwortet Fragen der Teilnehmer. Foto: © Lena GilhausEs gibt viele therapeutische Verfahren, die solche Ängste heilen können. Erste Hilfen können bspw. Entspannungsverfahren spenden. Selbstermutigung durch positives Zusprechen und eine Wiederaufnahme der Aktivität können ebenso Abhilfe von der Angst schaffen. Mag die Panik nicht wieder gehen, kann eine Konfrontationsbehandlung helfen. Um die Angstzustände loszuwerden, begeben sich die Patienten in der Konfrontationstherapie in die gefürchteten Situationen und erlernen einen neuen Umgang mit ihrer Angst.

Um einen Therapieplatz zu bekommen, lassen sich manchmal Wartezeiten nicht vermeiden. Prof. Ehring rät jedoch, sich nicht entmutigen zu lassen und bei vielen ansässigen Psychotherapeuten anzurufen.

 

 

 

 

 

Text und Fotos: © Lena Gilhaus