Beim offenen Gesprächskreis am 06.11.2015 beantworterte Dr. Florian Reinke viele fachliche Fragen, die wir hier zusammenfassend darstellen.

Wie viele Defi-Träger tragen das Aggregat eigentlich vorsorglich?

Die Zeiten, in denen Aggregate nur implantiert wurden, weil ein Patient ein Ereignis hatte, sind vorbei. Heute ist der Defi in den meisten Fällen ein vorsorglicher Lebensretter. Aus dem Uniklinikum Münster konnte Dr. Reinke berichten, dass etwa 25 Prozent der Defis nach einem Ereignis implantiert werden. 75 Prozent der Implantationen erfolgten aber heute aus vorsorglichen Erwägungen. Das ist auch im weltweiten Vergleich nicht anders. Das habe auch damit zu tun, dass die Forschung über erblich bedingte und möglicherweise lebensgefährliche Herzkrankheiten immer mehr herausfinde.

Wie stark ist der Schmerz bei einem SICD-Schock?

Der SICD ist gerade deshalb eine innovative Therapie, weil seine Elektroden nicht in das Herz eingeführt werden müssen. Deswegen und weil er nicht in der Schulter, sondern links seitlich am Brustkorb implantiert wird, muss der Strom, den er für einen Schock abgibt, stärker sein. So schockt der SICD mit 80 Joule, während bei herkömmlichen Defis 35 Joule ausreichen. „Gefühlt“ werden die Schocks beider Aggregate immer wieder mit einem Pferdetritt vor die Brust verglichen. Messbar sind jedoch nur die elektronischen Werte. Über das Schmerzempfinden lässt sich hingegen trefflich diskutieren: denn jeder Mensch empfindet Schmerz individuell. Dr. Reinke erzählte in diesem Zusammenhang von Studien, die früher gemacht wurden und die gezeigt hatten, dass Schmerz ab einer gewissen Joulezahl von Patienten etwa gleich intensiv empfunden wurde. Deshalb sei die Gleichung „mehr Joule = mehr Schmerz“ nicht immer folgerichtig.

Unterschiedlich sei jedoch, dass der SICD – anders als der ICD – nicht als Herzschrittmacher fungieren könne. Deshalb schalte der SICD etwa 30 Sekunden nach einer Schockabgabe in den sogenannten „Pacing-Modus“, der eine Herzschrittmacherfunktion simuliert – dies allerdings nur, wenn die eigene Herzfrequenz unter 50 liegt. Übersteigt sie die 50, stoppt das Pacing.

Ist es schmerzhaft, einen SICD zu tragen?

Hier berichtete ein SICD-Träger, er könne nicht länger als zehn Minuten auf der Seite liegen. Dr. Reinke ergänzte, dass die neuen Aggregate, die im Mai 2015 auf den Markt gekommen sind, etwa 20 Prozent weniger Volumen haben und sicher im Laufe der Zeit noch kleiner würden. Dennoch sei gerade für junge Patienten ein SICD oft eine gute Wahl. Sie müssten das Aggregat vermutlich viel länger tragen, als ältere Patienten. Da helfe es, sie zunächst mit einem Gerät zu therapieren, dessen Elektroden nicht in das Herz eingeführt würden.

Stimmt es, dass die meisten Patienten von der Schockabgabe nichts merken, weil sie dann bereits ohnmächtig sind?

Tatsächlich ist es so, dass Patienten nach 4 bis 5 Sekunden bewusstlos werden, wenn sie einen Herzstillstand erleiden. Der Defi reagiert aber erst nach etwa 7 Sekunden. Die meisten Patienten spüren den Schock im Ernstfall deshalb nicht bewusst. Allerdings: Bei einer Kammertachykardie kann ein Bewusstseinsverlust auch ausbleiben. Dann nimmt der Patient die Schockabgabe natürlich wahr.

Was muss man vor einem chirurgischen Eingriff beachten und was muss der Chirurg wissen?

Grundsätzlich sollten der Chirurg und der Narkosearzt über den Defi informiert sein. Außerdem sollten die Ärzte das ICD Modell kennen. Die letzte Kontrolle des Defis sollte nicht länger als drei Monate her sein.

Bei einigen chirurgischen Eingriffen könne es außerdem sein, dass die Operateure mit elektrischen Messern arbeiten. Jeder elektrische Strom kann einen ICD beeinflussen. In diesem Fall sollte der Defi durch Auflage eines Ringmagneten für die Zeit der Operation deaktiviert werden. Das übernimmt in der Regel der Narkosearzt. Moderne Defis sind so programmiert, dass sie sich automatisch wieder anstellen, sobald der Ringmagnet vom Defi entfernt wird. Nach der OP sollte man den Defi zeitnah auslesen lassen. So können die Ärzte die Daten vor den OP mit denen nach der OP vergleichen und sehen, ob alles in Ordnung ist.

Ich mache Sport mit dem Defi. Ist das gefährlich?

Grundsätzlich können Defi-Patienten, deren Herzleistung und Konstitution das zulässt, Sport treiben. Werden bei einer Sportart bestimmte Bewegungen im Oberkörper und Armbereich regelmäßig und häufig ausgeführt, könnte sich das auf die Lebensdauer der Elektroden auswirken und im Extremfall auch zu Elektrodenbrüchen führen. Die Elektroden sind der empfindlichste Geräteteil eines ICD. Defekte Elektroden wiederum können Schocks auslösen. Das bekannteste Beispiel für solch kritische Körperbewegungen ist das eines Golf-Spielers, der beim Abschlag immer dieselbe Arm- und Schulterbewegung macht. Da der Defi in der Schulter sitzt, ist der Golf-Sport – wenn man ihn intensiv betreibt – für Defi-Patienten nicht vorteilhaft.

Ist es normal, dass bei einer Routineuntersuchung der Defi umprogrammiert wird?

Es ist durchaus üblich, dass Defis hin und wieder einmal justiert werden. In der Ambulanz der Universitätsklinikums Münster trifft das bei fast jeder dritten Routineuntersuchung zu. Man dürfe sich jedoch nicht vorstellen, dass es dabei um gravierende Umprogrammierungen gehe, so Dr. Reinke. Meist handele es sich um „Fein-Tuning“, um das Aggregat möglichst genau an den Patienten und dessen individuelle Bedürfnisse anzupassen. Außerdem kann sich auch die Patientensituation verändern und eine solche Justierung erfordern.

Was verspricht das neue Medikament LCZ696 bei Herzinsuffizienz?

Über die Wirkung dieses Medikaments gibt es eine vielversprechende Studie. Sie wurde in Barcelona vorgestellt und besagt, dass die Gefahr, einem Herz-Kreislauf-Leiden zu erliegen, um 20 Prozent sinkt, wenn man das Medikament einnimmt. Entwickelt wurde es von der Schweizer Firma Novartis. Es wirkt mit zwei Substanzen. Die eine wirkt ähnlich wie ein ACE-Hemmer. Der andere Wirkstoff blockiert das Enzym Neprilysin. Wird es ausgeschaltet, entlastet dies das Herz.

Zum Hintergrund: Patienten, die an einer Herzschwäche leiden, nehmen meist Medikamente wie Beta Blocker, ACE-Hemmer und Diuretika. Beta-Blocker schirmen das Herz gegen Stresshormone ab, ACE-Hemmer stärken das Pumpvermögen und Diuretika entlasten das Herz, weil sie den Körper entwässern.

Stimmt es, dass es ein Gegenmittel für Blutverdünner gibt?

Mit „Praxibind“ wurde erstmals ein Gegenmittel (Antidot) für „Pradaxa“ zugelassen. Es kann seine blutverdünnende Wirkung innerhalb kürzester Zeit aufheben. Bisher gab es nur die Möglichkeit, Plasmen und Medikamente zu verabreichen. Bei „Eliquis“, „Xarelto“ und „Lixiana“ ist dieses Antidot nicht einsatzfähig. Hier arbeitet man weiter (erfolgreich) mit den herkömmlichen Gerinnungsfaktoren. Das Medikament „Praxibind“ wurde für den Arzneimittelproduzenten Boehringer-Ingelheim zugelassen.

Ist es sinnvoll, auf Kombinationspräparate umzustellen?

Es kann praktikabel sein, ein Kombi-Präparat einzunehmen. „Rimipril 5“ gibt es zum Beispiel in Kombination mit ASS 100 und Atorvastatin 20. Wer jedoch gut auf seine Medikamente eingestellt ist, sollte nach Möglichkeit nicht wechseln.

Gibt es neue Entwicklungen beim MRT?

Nach wie vor gilt: Ein MRT sollte nur durchgeführt werden, wenn sowohl die Elektroden als auch das Aggregat dafür geeignet sind. Außerdem müssen Aggregat und Elektroden vom selben Hersteller sein. Schwierig bleibt das MRT für Patienten, die zwar neue Elektroden und ein neues Aggregat haben, die alten Elektroden aber noch in sich tragen. Sie müssen dann operativ entfernt werden. Dabei ist immer abzuwägen, wie dringend und notwendig das MRT ist. In Krisensituationen – wie zum Beispiel bei einem Verdacht auf einen Tumor – kann die Entscheidung der Ärzte auch schon einmal für ein MRT ausfallen, obwohl die Defi-Situation dagegen spricht. Dies sind jedoch immer ganz spezielle Einzelfallentscheidungen, die intensiv mit dem Patienten besprochen werden.

Ist die Telemedizin bereits gut erprobt?

Eine Studie hat sogar nachgewiesen, dass die Sterblichkeit bei Patienten, die sich telemedizinisch überwachen lassen, sinkt. Die Entscheidung dazu ist nach wie vor freiwillig. In Münster lassen sich derzeit 650 Patienten telemedizinisch überwachen. Zum Vergleich: Pro Tag erscheinen rund 30 Patienten in der Ambulanz und rund 15 Patienten werden telemedizinisch betreut. Eine Vollzeitkraft ist angestellt, um die eingehenden Meldungen zu überwachen und Störungen an die Mediziner zu melden. Eine Frage, die für die Klinik relevant ist, ist die der Abrechnung: denn jede Übertragung von Daten ruft „Arbeit“ hervor. Noch ist aber nicht abschließend geklärt, wie die Ärzte diese Arbeit mit den Kassen abrechnen können.

 

Text: Birgit Schlepütz