Dr. Birgit Ebert HampelDr. Birgit Ebert HampelDr. Birgit Ebert- Hampel hatte die Tagungsgäste zu einem Arbeitskreis eingeladen, um mit ihnen über Nahtoderfahrungen zu sprechen. 35 Teilnehmer_innen folgten ihrer Einladung und sprachen sehr offen über Erfahrungen, die sie zum Teil selbst damit gemacht hatten. Nach dem Arbeitskreis – der in geschützter Atmosphäre stattfand – berichtete die in Münster praktizierende psychologische Psychotherapeutin Dr. Ebert-Hampel über ein Phänomen mit extremer Tiefenwirkung.

 

 

 

Frage: Frau Dr. Ebert-Hampel, in Ihrem Arbeitskreis saßen 35 Menschen, die über das Thema Nahtoderfahrung sprechen wollten. Können Sie zunächst einmal sagen, was eine Nahtoderfahrung ist?

Dr. Ebert-Hampel: Bei einer Nahtoderfahrung gehen wir davon aus, dass man konfrontiert ist mit Sterben – das kann ein Sterben seelischer Natur sein oder eben auch ganz konkret bei einem Herzstillstand oder bei einem Schock durch Defibrillatoren. Grundsätzlich sprechen wir von einer Grenzerfahrung, die mit einem klaren Bewusstsein einhergeht. Dies unterscheidet die Nahtoderfahrungen von Halluzinationen. Es ist vielmehr eine Klarheitserfahrung in verschiedenen Phasen, bei denen Menschen zum Beispiel plötzlich ihren eigenen Körper unter sich liegen sehen oder in einen Zustand kommen von totalem Frieden; manche begegnen Lichtwesen oder erleben eine Lebensrückschau bzw. -vorschau. Dazu gehören auch Situationen, in denen sie vielleicht falsch gehandelt haben und sich deshalb mit Schuldgefühlen quälen.

Frage: Ist das eine Art Zeitraffer-Situation oder ist das ganz unterschiedlich?

Dr. Ebert-Hampel: Ja, nennen wir es einen Zeitraffer, in dem das ganze Leben vor dem inneren Auge abläuft. Bei einem solchen Rückblick sieht man das Leben aber nicht nur vor sich: Man ist zugleich mittendrin und bezeugt, wie man mit anderen Menschen umgegangen ist oder wie andere Menschen mit einem selbst umgegangen sind. Dennoch entsteht durch Bezeugen – durch dieses tiefe Dabeisein – das Gefühl, es ist in Ordnung so. Es ist also eine Art Annahme, die zu innerem Frieden führt. Was ich aber viel berührender finde, ist die Vorausschau. In solchen Fällen nehmen Menschen Phänomene wahr, die erst in der Zukunft liegen und später tatsächlich passieren. Es gibt viele Berichte darüber, so dass wir davon ausgehen, dass wir bei einer Vorausschau an einem non-dualen Bewusstsein andocken, das größer ist als das, was wir hier auf Erden kennen.

Frage: Es gibt Menschen, die eine „Tunnel-Erfahrung“ gemacht haben und sich daran erinnern, dass sie gerne wissen wollten, was „dahinter“ passiert – die in diesem Moment neugierig waren und die dieses Gefühl auch noch  lange nach einer solchen Erfahrung empfinden.

Dr. Ebert-Hampel: Wir unterscheiden Nahtoderfahrungen nach vielen Intensitätsgraden. Sabine Mehne, von der ich im Arbeitskreis berichtet habe, gehört zu den Menschen, die wie ich auch eine sehr intensive Erfahrung gemacht haben. Diese Erfahrung „toppt“ alle bisherigen Erfahrungen und führte dazu, dass das Wiedereintauchen in die reale Lebenswelt mit Seelenschmerz verbunden war. Zurückzukommen, war zunächst schwierig.

Frage: Dies betrifft ja auch die Frage, die Sie im Titel Ihres Arbeitskreises aufgegriffen haben: Wie verändert eine Nahtoderfahrung den Lebensweg?

Dr. Ebert-Hampel: Viele Menschen berichten, dass sie eigentlich forciert wieder auf Erden gelandet sind und lange Jahre eine tiefe Sehnsucht nach dieser außergewöhnlichen Erfahrung behalten haben. Oft genug haben sie das aber nie thematisiert – unter anderem, weil sie Angst hatten, verlacht zu werden oder für verrückt erklärt zu werden. Weil eine solche Erfahrung unser Erdenbewusstsein sprengt, geht der niederländische Kardiologe Pimp von Lommel davon aus, dass wir an ein unbegrenztes Bewusstsein andocken und unser menschliches Gehirn uns dazu als Empfänger dient. Denn nach wie vor wissen wir ja nicht, wo unsere Gedächtnisinhalte gespeichert sind. Wir sind sozusagen der Receiver des Unendlichen.

Frage: ... von so etwas wie einer Supercloud?

Dr. Ebert-Hampel: Ja genau, von der Supercloud. So, wie wir das technisch bereits imitieren, kann man sich das auch vom Bewusstsein vorstellen. Das sprengt natürlich viele Konventionen und Vorstellungen.  Von vielen Ärzten wird dies leider oft bekämpft und letztlich doch immer wieder materiell erklärt. Wir müssen an dieser Stelle einfach sagen, dass Nahtoderfahrungen nicht in unsere bisherigen Erklärungsrahmen passen.

Frage: Es bleiben also Dinge offen zwischen hier und irgendwo ...

Dr. Ebert-Hampel: Thematisch am Nahesten sind wohl derzeit die Quantenphysiker. Menschen, wie Professor Günter Ewald zum Beispiel: Er war früher Quantenphysiker und hat sich darauf eingelassen, zu überlegen, was die Ergebnisse seiner Disziplin menschlich bedeuten. Seine Gedanken hat er zum Beispiel erstmals 1998 niedergelegt in seinem Buch „Die Physik und das Jenseits“.

Frage: Waren im Arbeitskreis Menschen bereit, über persönliche Nahtoderfahrung zu sprechen?

Dr. Ebert-Hampel: Ja, es gab fünf oder sechs Menschen, die über ihre Nahtoderfahrungen gesprochen haben. Es war übrigens sehr bemerkenswert, dass bei diesem sehr emotionalen Thema ausschließlich Männer von ihren eigenen Erfahrungen gesprochen haben und sich auch nur Männer aktiv am Gespräch beteiligt haben. Aber das nur am Rande. Ich glaube, wir haben mit und in diesem Arbeitskreis etwas angesprochen, das Tiefenwirkung hatte. Leider ist durch die materialistisch ausgerichtete Medizin im Laufe der Zeit viel Wissen über andere klare Bewusstseinszustände verloren gegangen. Dabei ist es ein ganz altes Wissen – das ägyptische Totenbuch zum Beispiel berichtet schon 2.000 Jahre vor Christi Geburt darüber. Deshalb ist es eigentlich gar nicht zu fassen, dass wir in diesem Arbeitskreis so offen über dieses Wissen sprechen konnten.

Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank!

Weiterführende Informationen:

Eine Film mit Beiträgen von Pim van Lommel und Sabine Mehne auf dem 1. Nahtod-Kongress an der Philosophischen Hochschule München, 2017:

 

Interview und Aufzeichnung: Birgit Schlepütz
Foto: Ilona Kapelle-Niesmann